17. April, 2006
Dieses verpricht, doch ein echtes Tagebuch zu werden. Mein ganzes Wesen wehrte sich zeitlebens gegen die Technik. Doch kann die Technik auch ein Segen sein. Viel mueheloser, taeglich Erlebtes im Komputer zu speichern, als aufs Papier zu bringen.
War schon als kleiner Junge mit neun Jahren traurig, nicht ins Mittelalter hineingeboren zu sein. Baute mir auch damals Lufschloesser, erfand fuer mich und meine Spielkameraden, damals in Nuernberg, exotische Welten, in denen wir uns gerne bewegten. Meine Kameraden von damals waren drei Jahre juenger als ich; verliessen sich auf mich -der ich von einer reichen Einbildungskraft beseelt war- sie in diese von mir erfundenenen Welten zu fuehren. War ich bisweilen erkrankt, so suchten sie mich auf, dort im dritten Stock unserer Mietswohnung, Krelingstrasse 13, unserem Garten gegenueber. Uns kam damals dieser "Schwanhaeuser Garten" riesig vor. Als ich ihn dann als junger Mann einige Jahre spaeter besuchte, dann konnte ich merken, dass er doch nicht allzu gross war. Der Garten wurde darauf mein eigenes, nach der Auswanderung nach Amerika im Jahre 1955, "verlorenes Paradies." Manche von uns duerfen uns gluecklich preisen, ein Kindheitsparadies besessen zu haben. Wie alles im Leben, geht es uns irgendwann verloren. Der Kindheitsgarten verschwand fuer immer, als man zuletzt dort "Luxuseigentumswohnungen" hinbaute. Das Grundstueck, nur fuenf Minuten von der Burg, war einfach zu wertvoll, um es unbebaut zu lassen. Somit lebt mein verlorenes Paradies nur in meinem Inneren weiter, bereichert mein Innenleben, beschenkt mich mit Erinnerungen, mich, der ich immer noch das Kind bin, das sich weiterhin Luftschloesser baut.
Gestern war Ostern. Gestern wurde ich auch auf besondere Art beschenkt. Ich fuhr zur kleinen Gemeinde, dort in Flourtown, ausserhalb von Philadelphia. Diesmal ohne Helga, denn sie war am vorigen Tage wieder nach Deutschland geflogen. Der Gottesdienst war leider auf Englisch. Der Priester, mein lieber Freund, Jonathan Fitzner, hat sich mit dem Englischen abgequaelt, paar junger Leute wegen, die des Deutschen nicht maechtig waren. Fuer mich ist der Gottesdienst auch eine sentimentale Sache. Sollte ja keine Rolle spielen, in welcher Sprache er nun abgehalten wird; der liebe Gott versteht alle Sprachen. Dennoch, da die Kindheitsjahre uns formen, und da fuer mich der Gottesdienst identisch war mit der deutschen Sprache, somit gehoert der Verlust des oeffentlichen Gottdienens in meinem geliebten Deutsch, auch zu einem dieser verlorenen Paradiese. Gottesdienst auf Englisch. Ja, das wird mir immer fremd bleiben. Genauso wie die vielen Jahre in diesem gesegneten Land, Amerika, im Grunde Exiljahre fuer mich bleiben werden, so lange ich lebe. Das weiss ich so genau, wie ich heute die wuerzige Fruehlingsluft einatme.
Ja, gestern, auf dem Heimwege von dieser kleinen Gemeinde. Sechsundfuefzig Meilen trabte mein Kleinwagen ab, bevor ich wieder zu Hause war, hier in meiner Huette, wo ich am Waldesrand mein Einsiedlerleben fuehre. Ich hatte doch erwartet, dass mich jemand zum Mittag einladen werde. Das geschieht so gut wie immer. Vielleicht geschah es gestern nicht, weil ich alleine war, ohne Helga. Hart vor der Heimfahrt, kommt mein Freund zu mir, Jonathan, zartgebauter den je, nach dieser nicht unbedeutsamen Herzoperation vor vielleicht vier Jahren. Nun, mein Priesterfreund kommt heran zu meinem kleinen Suzuki Jeep. Es flammt in mir die Hoffnung auf, er werde mich doch zum Mittag einladen. Ich, an seiner Stelle haette das unbedingt getan. Doch verstehe ich, warum er das nicht getan hat. Seine Frau, die liebe Gisela, leidet schon seit mehreren Jahren an einer seltenen Krebserscheinung, hartnaeckig, scheinbar unheilbar. Somit fuehrt er seit einiger Zeit den Hauhalt. In den Haenden hielt er eine Tuete. Daraus hat er paar Schokoladeneier und paar Kaugummieichen herausgenommen und -da es nun mal Ostern war- mir geschenkt. Doch hatte er etwas weit Wichtigeres auf dem Herzen. Die Ostereicherchen halfen ihm nur dabei, eine zag gestellte Frage hervorzubringen: meine Eltern, so die Einleitung, seien doch solch liebe, glaeubige Menschen gewesen. Somit mache auch er sich Sorgen um mein Seelenheil, fuehle da eine Verantwortung. Darauf die Herzensfrage, ob ich denn je getauft worden sei. Ja, doch, entgegenete ich, viele Jahre zurueck, als Fritz Lenk der Priester in unserer Gemeinde war, damals in Union City. An das Jahr kann ich mich nicht mehr erinnern, doch aber an den Umstand, dass zu der Gruppe der Taeuflinge, der Sohn von Martins gehoerte, diese Martins die beim Einschwoeren als USA Staatsbuerger, sich haben umtaufen lassen, von einem Namen, der allzu polnisch klang, Martschinkowski. Wenn ich also das Datum meiner Taufe erfahren will, dann brauche ich nur Eduard Martin zu fragen. Der, mehr erdgebunden und sachlicher als ich, hat diese Lebensetappe gewiss notiert.
Habe kurz darauf die Ostereier probiert. Die Schokoladeneier hatten drinnen leider dieses unselige Erdnussschmalz. Die ganz kleinen, die Kaugummieier, schmeckten typisch amerikanisch kuenstlich. Nach einem zweiten Ei oder Eichen hat man da kein Verlangen mehr. Zum Mikrokosmos meines Lebens gehoert dieses Eiererlebnis, zum Gefuehl, all diese Jahre im Exil gelebt zu haben. Dieses Land produziert fast alles fuer einen sehr ungehobelten Gaumen. Wenn du Deine Kehle mit etwas Feinem belohnen willst, dann ist es fast immer importiert.
Schrecklich schmeckende Ostereier. Waren sie nun verantwortlich fuer die Unruhe, die ich bei der etwas mehr als einstuendigen Heimfahrt verspuerte? Da kam ich auf den Gedanken, doch etwas zu unternehmen, am Nachmittag. Doch was? Warum nicht einen kleinen Ausflug ans Meer? Ja, das Meer mag ich beinahe so sehr wie die Berge. Dieses schoene Strandgelaende, Sandy Hook, ist nur ein Stuendchen von meiner Huette.
Dann kam mir auch der Gedanke: ruf doch mal Katya an, ob sie Vania mitgehen lassen wuerde. War in diesem letzten Jahr doch etwas traurig, dass ich womoeglich den Jungen nie wieder in meinem Leben sehen wuerde. Denn so sah es aus, als Katya das Verbot hat verbuchen lassen, ich duerfe den Buben nicht wieder in seiner Schule besuchen. Darauf versuchte ich mein Herz zu festigen und sagte zu meinem Herzen: "Staehle dich, versuche nun Russenmutter und Russenkind aus deinem Gedaechtnis zu klammern, begrabe sie in das Grab der Vergessenheit, fang einfach mit einem ganz neuen Leben an." Doch konnte ich das nicht. Auf einer Hauptstrasse, irgendwo auf diesem Ostersonntagheimwege, konnte ich auf einer Stossstange eines kleinen LKWs lesen, so in etwa, man solle doch irgendeine hilfeichende Hand einem vom Autismus Leidenden, ihm und seiner Famile ausstrecken. Vania ist ein autistischer Knabe. Nun sag mir mal lieber Freund, wie kann ich da behaupten, dass ueberirdische Kraefte nicht fast taeglich in mein eisames Einsiedler Leben hineinwirken? Solche Erlebnisse -von der Mehrzahl der Menscheit achselzuckend als Zufallvorkommnisse abgetan- gehen nicht unbemerkt an mir vorueber, geben mir die Gewissheit, dass der liebe Gottt mich besonders lieb hat, mich, der aufgehoert hat, Ihn sonntaeglich in den von Menschen gebauten Tempeln aufzusuchen. Doch taeglich verspuere ich Seine Gegenwart, und die seines geliebten Sohnes, in meinem eigenen Tempel, meinem Waeldchen, eine mir gegewaertige Neuerscheinung meines verlorenen Kindheitsparadieses.
Dort, im Tempel von Seinen Haenden geschaffen, zusammen mit Oliver, dieser von ihm geschaffenen Kreatur, und...bester Freund.
Zu Hause angelangt, habe ich dann auch Katya telefonsich erreicht. Sie brauchte zehn Minuten Bedenkzeit. Gewiss hat mein Anruf sie ueberrumpelt. Ich hantiere halt so oft spontan in meinem Leben. Sie meinte auch, Vania waere nun viel schwieriger in seinem Benehmen, nun als Teenager und vierzehnjaehrig. Haette wohl etwas mit Hormonen zu tun, so meinte sie.
Doch war ich gluecklich, dass sie bei ihrem Rueckruf nicht absagte. Nur sollte ich versprechen, den Zoegling nicht ins Wasser zu nehmen; er koenne sich eine Erkaeltung holen.
Ja, warm durchlief es mich, mich der den Buben fuer verloren und verschollen glaubte. So aehnlich mag es dem Vater ergangen sein, als er des verlorenen Sohnes ansichtig wurde; ihm dann entgegenlief und ein Wiedersehenfest anordnete. Warm durchlief es mich, und ich musste Olivers Meister, Mike, davon erzaehlen. Dieser meinte dazu: "That is pretty neat."
Darauf holte ich Vania ab. Katya erhielt ein zaghaftes Kuesschen und ein zaghaftes Versprechen, er wuerde sich gut benehmen.
Ja, der Bub benahm sich schlechthin vorbildlich. Meine Herz durfte jede Minute mit ihm zusammen feiern. Ich glaube auch, dass in seinem Herzen eine aehnliche Musik spielte. Dort, am weitlaeufigen Strand, nahm Vania wiederholt meine Hand. Das letzte Mal liess er sie nicht los, bis wir den Kilometer hinter uns hatten, angelangt bei unserem Strandlager. Er hatte sich bis aufs Unterhoeschen entkleidet. Es ging auf sechs. Er kauerte dort neben mir, sein duennes Koerprchen zitterte. Ein kuehler Wind hatte sich erhoben und fast alle Menschen hatten den Heimweg angebrochen. Eine Schar Seemoeven kam heran, dorch halfen sie nicht gegen den Wind. Ich hatte mich auf das Laken gelegt und mir die Beine mit dem einen Handtuch zugedeckt. Auf mein Noetigen legte sich Vania hin. Ich wusste, er wollte noch nicht heim, trotz des Froestelns. Darauf deckte ich ihn zu, erst mit einem Handtuch, dann mit zwei. In seiner Fetusposition zitterte er weniger. Ich hatte nun das halbe Laken um mich geschlungen und zitterte auch. Ich blickte das Buebchen an. Einmal trafen sich unsere Blicke. Wiederholt sagte ich ihm, wie schade, dass wir uns keine Decke von seiner Mutter erbeten hatten, denn auch die Handtuecher stammten von ihr. Geschuetzter haetten wir diesen besonderen Moment des Wiedserfindens auskosten koennen, gewaermt unter einer Decke. Doch auch froestelnd, wusste ich, Vania wollte so lange bei mir bleiben, wie es nur ging. Zuletzt gab er nach, zog sich an, und wir fuhren nach Hause. Dort habe ich fuer uns beide eine richtige Mahlzeit gekocht, denn das Jungchen hatte nichts von den belegten Broten gegessen. Seine Mutter rief ich sofort an, dass wir so gegen neun heimkommen wuerden. Wie Vania sich benommen haette, wollte sie wissen. Ich konnte ihr doch nicht das Haendehalten verheimlichen, so wertvoll war mir nun dieser Kontakt geworden.
Bei ihr konnte nun der grosse Koeter, Morton, ein Blullmastif, nicht genug von mir geliebkost werden. Schier alle Hunde haben es es auf mich abgesehen. Mortons Hundverstand hatte mich nicht vergessen, obwohl viele Monate verstrichen waren. Auch hatte ich Oliver dabei und wir brachten die beiden zusammen. Doch underklaerlicherweise fing Oliver bei der Bekanntmachung zu knurren an. Katya meinte, es koenne eine instinktive Eifersucht aufflammen beim Oliver, der nunmal entmaennlicht worden war, eine Eifersucht, dem vollbluetigen Morton gegenueber.
Hier ruht nun das gute Tier neben mir auf dem Sofa; lauert den ganzen Tag darauf, ins Waeldchen genommen zu werden.
Ich erzaehlte Katya von meiner Thailandreise, die nun nur wenige Tage bevorsteht. Sie wuenschte mir "a good trip." Ich meinte, Vania und ich koennten das Stranderlebnis im Mai, bei meiner Rueckkunft wiederholen. Dann duerfte es auch waermer sein.
Dieses verpricht, doch ein echtes Tagebuch zu werden. Mein ganzes Wesen wehrte sich zeitlebens gegen die Technik. Doch kann die Technik auch ein Segen sein. Viel mueheloser, taeglich Erlebtes im Komputer zu speichern, als aufs Papier zu bringen.
War schon als kleiner Junge mit neun Jahren traurig, nicht ins Mittelalter hineingeboren zu sein. Baute mir auch damals Lufschloesser, erfand fuer mich und meine Spielkameraden, damals in Nuernberg, exotische Welten, in denen wir uns gerne bewegten. Meine Kameraden von damals waren drei Jahre juenger als ich; verliessen sich auf mich -der ich von einer reichen Einbildungskraft beseelt war- sie in diese von mir erfundenenen Welten zu fuehren. War ich bisweilen erkrankt, so suchten sie mich auf, dort im dritten Stock unserer Mietswohnung, Krelingstrasse 13, unserem Garten gegenueber. Uns kam damals dieser "Schwanhaeuser Garten" riesig vor. Als ich ihn dann als junger Mann einige Jahre spaeter besuchte, dann konnte ich merken, dass er doch nicht allzu gross war. Der Garten wurde darauf mein eigenes, nach der Auswanderung nach Amerika im Jahre 1955, "verlorenes Paradies." Manche von uns duerfen uns gluecklich preisen, ein Kindheitsparadies besessen zu haben. Wie alles im Leben, geht es uns irgendwann verloren. Der Kindheitsgarten verschwand fuer immer, als man zuletzt dort "Luxuseigentumswohnungen" hinbaute. Das Grundstueck, nur fuenf Minuten von der Burg, war einfach zu wertvoll, um es unbebaut zu lassen. Somit lebt mein verlorenes Paradies nur in meinem Inneren weiter, bereichert mein Innenleben, beschenkt mich mit Erinnerungen, mich, der ich immer noch das Kind bin, das sich weiterhin Luftschloesser baut.
Gestern war Ostern. Gestern wurde ich auch auf besondere Art beschenkt. Ich fuhr zur kleinen Gemeinde, dort in Flourtown, ausserhalb von Philadelphia. Diesmal ohne Helga, denn sie war am vorigen Tage wieder nach Deutschland geflogen. Der Gottesdienst war leider auf Englisch. Der Priester, mein lieber Freund, Jonathan Fitzner, hat sich mit dem Englischen abgequaelt, paar junger Leute wegen, die des Deutschen nicht maechtig waren. Fuer mich ist der Gottesdienst auch eine sentimentale Sache. Sollte ja keine Rolle spielen, in welcher Sprache er nun abgehalten wird; der liebe Gott versteht alle Sprachen. Dennoch, da die Kindheitsjahre uns formen, und da fuer mich der Gottesdienst identisch war mit der deutschen Sprache, somit gehoert der Verlust des oeffentlichen Gottdienens in meinem geliebten Deutsch, auch zu einem dieser verlorenen Paradiese. Gottesdienst auf Englisch. Ja, das wird mir immer fremd bleiben. Genauso wie die vielen Jahre in diesem gesegneten Land, Amerika, im Grunde Exiljahre fuer mich bleiben werden, so lange ich lebe. Das weiss ich so genau, wie ich heute die wuerzige Fruehlingsluft einatme.
Ja, gestern, auf dem Heimwege von dieser kleinen Gemeinde. Sechsundfuefzig Meilen trabte mein Kleinwagen ab, bevor ich wieder zu Hause war, hier in meiner Huette, wo ich am Waldesrand mein Einsiedlerleben fuehre. Ich hatte doch erwartet, dass mich jemand zum Mittag einladen werde. Das geschieht so gut wie immer. Vielleicht geschah es gestern nicht, weil ich alleine war, ohne Helga. Hart vor der Heimfahrt, kommt mein Freund zu mir, Jonathan, zartgebauter den je, nach dieser nicht unbedeutsamen Herzoperation vor vielleicht vier Jahren. Nun, mein Priesterfreund kommt heran zu meinem kleinen Suzuki Jeep. Es flammt in mir die Hoffnung auf, er werde mich doch zum Mittag einladen. Ich, an seiner Stelle haette das unbedingt getan. Doch verstehe ich, warum er das nicht getan hat. Seine Frau, die liebe Gisela, leidet schon seit mehreren Jahren an einer seltenen Krebserscheinung, hartnaeckig, scheinbar unheilbar. Somit fuehrt er seit einiger Zeit den Hauhalt. In den Haenden hielt er eine Tuete. Daraus hat er paar Schokoladeneier und paar Kaugummieichen herausgenommen und -da es nun mal Ostern war- mir geschenkt. Doch hatte er etwas weit Wichtigeres auf dem Herzen. Die Ostereicherchen halfen ihm nur dabei, eine zag gestellte Frage hervorzubringen: meine Eltern, so die Einleitung, seien doch solch liebe, glaeubige Menschen gewesen. Somit mache auch er sich Sorgen um mein Seelenheil, fuehle da eine Verantwortung. Darauf die Herzensfrage, ob ich denn je getauft worden sei. Ja, doch, entgegenete ich, viele Jahre zurueck, als Fritz Lenk der Priester in unserer Gemeinde war, damals in Union City. An das Jahr kann ich mich nicht mehr erinnern, doch aber an den Umstand, dass zu der Gruppe der Taeuflinge, der Sohn von Martins gehoerte, diese Martins die beim Einschwoeren als USA Staatsbuerger, sich haben umtaufen lassen, von einem Namen, der allzu polnisch klang, Martschinkowski. Wenn ich also das Datum meiner Taufe erfahren will, dann brauche ich nur Eduard Martin zu fragen. Der, mehr erdgebunden und sachlicher als ich, hat diese Lebensetappe gewiss notiert.
Habe kurz darauf die Ostereier probiert. Die Schokoladeneier hatten drinnen leider dieses unselige Erdnussschmalz. Die ganz kleinen, die Kaugummieier, schmeckten typisch amerikanisch kuenstlich. Nach einem zweiten Ei oder Eichen hat man da kein Verlangen mehr. Zum Mikrokosmos meines Lebens gehoert dieses Eiererlebnis, zum Gefuehl, all diese Jahre im Exil gelebt zu haben. Dieses Land produziert fast alles fuer einen sehr ungehobelten Gaumen. Wenn du Deine Kehle mit etwas Feinem belohnen willst, dann ist es fast immer importiert.
Schrecklich schmeckende Ostereier. Waren sie nun verantwortlich fuer die Unruhe, die ich bei der etwas mehr als einstuendigen Heimfahrt verspuerte? Da kam ich auf den Gedanken, doch etwas zu unternehmen, am Nachmittag. Doch was? Warum nicht einen kleinen Ausflug ans Meer? Ja, das Meer mag ich beinahe so sehr wie die Berge. Dieses schoene Strandgelaende, Sandy Hook, ist nur ein Stuendchen von meiner Huette.
Dann kam mir auch der Gedanke: ruf doch mal Katya an, ob sie Vania mitgehen lassen wuerde. War in diesem letzten Jahr doch etwas traurig, dass ich womoeglich den Jungen nie wieder in meinem Leben sehen wuerde. Denn so sah es aus, als Katya das Verbot hat verbuchen lassen, ich duerfe den Buben nicht wieder in seiner Schule besuchen. Darauf versuchte ich mein Herz zu festigen und sagte zu meinem Herzen: "Staehle dich, versuche nun Russenmutter und Russenkind aus deinem Gedaechtnis zu klammern, begrabe sie in das Grab der Vergessenheit, fang einfach mit einem ganz neuen Leben an." Doch konnte ich das nicht. Auf einer Hauptstrasse, irgendwo auf diesem Ostersonntagheimwege, konnte ich auf einer Stossstange eines kleinen LKWs lesen, so in etwa, man solle doch irgendeine hilfeichende Hand einem vom Autismus Leidenden, ihm und seiner Famile ausstrecken. Vania ist ein autistischer Knabe. Nun sag mir mal lieber Freund, wie kann ich da behaupten, dass ueberirdische Kraefte nicht fast taeglich in mein eisames Einsiedler Leben hineinwirken? Solche Erlebnisse -von der Mehrzahl der Menscheit achselzuckend als Zufallvorkommnisse abgetan- gehen nicht unbemerkt an mir vorueber, geben mir die Gewissheit, dass der liebe Gottt mich besonders lieb hat, mich, der aufgehoert hat, Ihn sonntaeglich in den von Menschen gebauten Tempeln aufzusuchen. Doch taeglich verspuere ich Seine Gegenwart, und die seines geliebten Sohnes, in meinem eigenen Tempel, meinem Waeldchen, eine mir gegewaertige Neuerscheinung meines verlorenen Kindheitsparadieses.
Dort, im Tempel von Seinen Haenden geschaffen, zusammen mit Oliver, dieser von ihm geschaffenen Kreatur, und...bester Freund.
Zu Hause angelangt, habe ich dann auch Katya telefonsich erreicht. Sie brauchte zehn Minuten Bedenkzeit. Gewiss hat mein Anruf sie ueberrumpelt. Ich hantiere halt so oft spontan in meinem Leben. Sie meinte auch, Vania waere nun viel schwieriger in seinem Benehmen, nun als Teenager und vierzehnjaehrig. Haette wohl etwas mit Hormonen zu tun, so meinte sie.
Doch war ich gluecklich, dass sie bei ihrem Rueckruf nicht absagte. Nur sollte ich versprechen, den Zoegling nicht ins Wasser zu nehmen; er koenne sich eine Erkaeltung holen.
Ja, warm durchlief es mich, mich der den Buben fuer verloren und verschollen glaubte. So aehnlich mag es dem Vater ergangen sein, als er des verlorenen Sohnes ansichtig wurde; ihm dann entgegenlief und ein Wiedersehenfest anordnete. Warm durchlief es mich, und ich musste Olivers Meister, Mike, davon erzaehlen. Dieser meinte dazu: "That is pretty neat."
Darauf holte ich Vania ab. Katya erhielt ein zaghaftes Kuesschen und ein zaghaftes Versprechen, er wuerde sich gut benehmen.
Ja, der Bub benahm sich schlechthin vorbildlich. Meine Herz durfte jede Minute mit ihm zusammen feiern. Ich glaube auch, dass in seinem Herzen eine aehnliche Musik spielte. Dort, am weitlaeufigen Strand, nahm Vania wiederholt meine Hand. Das letzte Mal liess er sie nicht los, bis wir den Kilometer hinter uns hatten, angelangt bei unserem Strandlager. Er hatte sich bis aufs Unterhoeschen entkleidet. Es ging auf sechs. Er kauerte dort neben mir, sein duennes Koerprchen zitterte. Ein kuehler Wind hatte sich erhoben und fast alle Menschen hatten den Heimweg angebrochen. Eine Schar Seemoeven kam heran, dorch halfen sie nicht gegen den Wind. Ich hatte mich auf das Laken gelegt und mir die Beine mit dem einen Handtuch zugedeckt. Auf mein Noetigen legte sich Vania hin. Ich wusste, er wollte noch nicht heim, trotz des Froestelns. Darauf deckte ich ihn zu, erst mit einem Handtuch, dann mit zwei. In seiner Fetusposition zitterte er weniger. Ich hatte nun das halbe Laken um mich geschlungen und zitterte auch. Ich blickte das Buebchen an. Einmal trafen sich unsere Blicke. Wiederholt sagte ich ihm, wie schade, dass wir uns keine Decke von seiner Mutter erbeten hatten, denn auch die Handtuecher stammten von ihr. Geschuetzter haetten wir diesen besonderen Moment des Wiedserfindens auskosten koennen, gewaermt unter einer Decke. Doch auch froestelnd, wusste ich, Vania wollte so lange bei mir bleiben, wie es nur ging. Zuletzt gab er nach, zog sich an, und wir fuhren nach Hause. Dort habe ich fuer uns beide eine richtige Mahlzeit gekocht, denn das Jungchen hatte nichts von den belegten Broten gegessen. Seine Mutter rief ich sofort an, dass wir so gegen neun heimkommen wuerden. Wie Vania sich benommen haette, wollte sie wissen. Ich konnte ihr doch nicht das Haendehalten verheimlichen, so wertvoll war mir nun dieser Kontakt geworden.
Bei ihr konnte nun der grosse Koeter, Morton, ein Blullmastif, nicht genug von mir geliebkost werden. Schier alle Hunde haben es es auf mich abgesehen. Mortons Hundverstand hatte mich nicht vergessen, obwohl viele Monate verstrichen waren. Auch hatte ich Oliver dabei und wir brachten die beiden zusammen. Doch underklaerlicherweise fing Oliver bei der Bekanntmachung zu knurren an. Katya meinte, es koenne eine instinktive Eifersucht aufflammen beim Oliver, der nunmal entmaennlicht worden war, eine Eifersucht, dem vollbluetigen Morton gegenueber.
Hier ruht nun das gute Tier neben mir auf dem Sofa; lauert den ganzen Tag darauf, ins Waeldchen genommen zu werden.
Ich erzaehlte Katya von meiner Thailandreise, die nun nur wenige Tage bevorsteht. Sie wuenschte mir "a good trip." Ich meinte, Vania und ich koennten das Stranderlebnis im Mai, bei meiner Rueckkunft wiederholen. Dann duerfte es auch waermer sein.
